Es ist zu spät

Ein neuer Urlaub beginnt.

Er beginnt überraschend problemlos. Bevor ich mit dem 9-Euro-Ticket nach Polen starte, müsste ja bei meinem braven Auto ein fehlendes Nummernschild ersetzt werden. Wie sieht das denn sonst aus? Auch wenn es zurzeit schamhaft mit der Schnauze (und dem fehlenden Kennzeichen) zu einer Brandmauer auf einem verborgenen Privatgrundstück irgendwo in Berlin steht.

Auf eine Radtour zur 10 km entfernten Zulassungsstelle verzichte ich. Zu heiß, schon frühmorgens. Ich nehme das Auto. Es fährt auch ohne vorderes Kennzeichen. Erstens ist Berlin polizeiloser, rechtsfreier Raum, man darf alles, also wirklich komplett alles. Das haben die Bürger zweimal begeistert genau so gewählt, und der Senat setzt es um. So geht Demokratie.

Und zweitens soll eine Fahrt direkt zur Zulassungsstelle lt. StVO sogar ganz ohne Kennzeichen erlaubt sein. Dann mal los. Ich bin 45 Minuten zu früh da, trotzdem wird meine „Vorgangsnummer“ blitzartig nach meinem Audienz-Ersuchen aufgerufen. „Ja, wenn Sie schon mal da sind“, strahlt die Sachbearbeiterin, „dann kann ich ja auch was tun.“

Das ist was für die „Tagesspiegel“-Rubrik „Amt, aber glücklich“. Neue Kennzeichen, neuer Brief, Schein, Umweltplakette. Und wieder Initialen plus Geburtsdatum, minimal anders, aber zu merken. Am Autokennzeichen. Für Großparkplätze z.B. Ein Scherz, Ihr wisst ja schon: Mein Auto kann man nicht übersehen.

Ab zur U-Bahn. In Berlin-Gesundbrunnen wartet der Zug nach Stettin. Wohin auch Frau Hiob seit dem frühen Morgen aus westlicher Richtung unterwegs ist. 9-Euro-Ticket macht Spaß. Während mein Auto zu Haus parkt, nun vorn und hinten bestückt, ohne auch nur einen einzigen Liter für ca. 1,95 Euro zu trinken, studiere ich im Regiozug die „Welt am Sonntag“.

Natürlich lässt auch im Urlaub der Ukraine-Krieg nicht los. In der letzten Ausgabe verfasste Springer-Chef Mathias Döpfner einen bemerkenswerten Leitartikel über die „Zeit nach Putin“, und wie wir dann (früher oder später) mit Russland umgehen müssten. Freundlich-partnerschaftlich übrigens, aber aufgrund seiner Vision hat Döpfner gewiss nun noch mehr Personenschutz als sonst.

In dieser Ausgabe der „Welt am Sonntag“ spricht die Frau von Ukraine-Präsident Selenskyj, Olena. Natürlich per Telefon von einem geheimen Ort aus. Tenor: Die Welt ist klein geworden, es gibt kein „fern“ mehr, kein „das geht uns nichts an“. Sollte man Kanzler Scholz zu lesen geben.

Sczecin-Glowny. Über die letzten wenigen Kilometer auf polnischem Gebiet schweige ich mich mit meinem deutschen 9-Euro-Ticket mal bedeutsam aus, Frau Hiob, die auf anderer Gleisstrecke vor zwei Stunden ankam, tut es mir gleich.

Auch über Stettin müssen wir nicht mehr viel Worte verlieren, es war oft Thema hier, gerne Suchfunktion auch auf tarzanberlin benutzen.

Das größere Abenteuer wird die spontane Zugfahrt am nächsten Tag, diesmal natürlich brav an die polnische Staatsbahn PKP bezahlt. Für knapp 4,50 Euro geht es ins rund 80 km entfernte Seebad Misdroy, Verzeihung, Miedzyzdroje. Schon zu längst vergangenen kommunistischen Zeiten DER Sehnsuchtsort aller Polen, sozusagen das Sylt des Ostens.

Entsprechend belebt ist es, das Sylt des Ostens. Ich kenne einiges, Frau Hiob kennt alles. Sie möchte gern ein Kosmetik-Studio nebst Frisiererei aufsuchen. Ich halte das für absolut unnötig, aber Frauen haben da (und auch sonst) eher recht. Nach 50 Absagen („In zwei Monaten vielleicht“) fühlt man sich an Arzttermin-Anfragen in Deutschland erinnert. Wo eine mutmaßliche Krebs-Patientin, die einen Knoten in der Brust ertastete, überall auf das Jahr 2023 vertröstet wurde. Hurra Deutschland. Wenn sie dann mal noch lebt.

Ich erinnere Frau Hiob ans Kosmetik-Studio „Viola“, zufällig direkt hinter unserem Hotel. Volltreffer. Ist ja eine langjährige Freundin von ihr, Termin fast sofort. Tarzan kann’s eben.

Die langwierige Behandlung der Frau Hiob ermöglicht mir, wild und unkosmetisiert, noch mal das wilde Wisentgehege im Nationalpark zu besuchen. Wie fast überall, war ich auch hier vor Jahren schon mal, die Bisons brüllten wie verrückt, heute sind sie vor Hitze ganz still.

Ich wandere nach Warnowo, pflücke mir Heidelbeeren im Wald, zurück auf unbekannten Pfaden nach Biala Gora, hier soll eine Art Museumsweg zu alten Flakstellungen des 2. Weltkriegs führen. Ich bin leicht falsch, kommt als neugieriger Abenteurer ja immer mal vor.

Nein, in Biala Gora ist niemand mehr

Biala Gora entpuppt sich als Geisterstadt, eher noch -dorf. So was kenne ich rein zufällig aus Küstrin, Verzeihung, Kostrzyn. Ein umzäunter Militärstützpunkt. Als ich mich nähere, tritt ein bewaffneter Posten hervor. „Dzien dobry!“, rufe ich.

Keine Antwort. Auch recht, gewaltig mehr Sprachkenntnisse kann ich in der Hitze eh nicht aufbieten. Und ein Bier zu bestellen, ist hier oben, am Drahtzaun auf dem Hügel von Biala Gora, vielleicht gar nicht angebracht.

Natürlich finde ich die Flakstellungen noch. Hoch über dem Meer, unweit des Kaffeebergs. Immerhin 61 Meter hoch. Eine schöne Übung für kommende Abenteuer.

Vorm Hotel „Amber Baltic“ treffe ich Frau Hiob. Hinreißend gestylt von einer Ukrainerin, die jetzt im Kosmetikstudio ihrer Freundin arbeitet. Hals über Kopf ist sie ohne Papiere aus Lwiw geflohen, konnte aber ohne Bürokratie-Drama augenblicklich in Polen eine Arbeit aufnehmen.

Ukrainische Damen fielen Frau Hiob ja schon bei unserem letzten Stettin-Besuch auf. Auch, ja auch und angesichts der wunderbaren Hilfsbereitschaft am Berliner Hauptbahnhof oder anderen deutschen Städten werde ich hier frech betonen, wie schnell und integrativ es mit Hunderttausenden Flüchtlingen in Polen klappt. Und damit möchte ich nichts zwischen den Zeilen sagen bzw. Polen oder Deutschland gegeneinander ausspielen. Nur, dass das klar ist.

Während ukrainische Flüchtlinge werkeln und schaffen, geht der Bauboom in Miedzyzdroje, dem „Sylt des Ostens“ ungebremst weiter. Vielleicht auch gerade durch sie. Egal.

Wir wandern durch einst brachliegende Straßen, bestaunen neue Appartements. „Sprzedaz!“ Kaufen Sie! Investoren willkommen!

Ein alter Plan reift wieder. Einst hatte Frau Hiob hier oben am Meer Besitz-Anteile eines Ferienappartements. Vielleicht erinnern sich betagtere Leser. Die Investiton musste damals leider versilbert werden. Nun schaut Frau Hiob auf neue und alte Objekte. Dies hier zum Beispiel wäre für einen Spottpreis zu haben. Die Ruine steht seit Jahren leer, unter Denkmalschutz, niemand will sie haben, die Sanierungskosten würden alle Rendite-Erwartungen sprengen.

Diese Ruine wartet auf einen Käufer. Die Zukunftsvison hängt seit Jahren am Bauzaun

„BalticInfinity“ errichtet gerade auf einer Brachfläche am Strand Luxuswohnungen, ab 33 qm geht es los, Fertigstellung Silvester 2023. Von einem solchen Bautempo kann Berlin nur träumen, aber das nur nebenbei. Bei „BalticInfinity“ geht niemand ans Telefon. Recherchen bei Frau Hiobs Freundin im „billigeren“ Stettin ergeben auch hier entmutigende Preise.

Frau Hiob und ich, wir Möchtegern-Kapitalisten, müssen uns wohl der Realität stellen: Die Zeiten von 2000 oder so sind vergangen. Es ist zu spät.

Das war auch ein Satz des Islam-Kritikers Ahmad Mansour auf einer Konferenz zum Thema Neukölln-Terror, Clan-Kriminalität und Judenhass: „Dies ist exakt das zweite Mal nach 20 Jahren, dass mir der Berliner Senat hierzu eine Frage stellt. Das erste Mal war im Jahr 2000. Und schon damals sagte ich: ,Es ist zu spät.'“

Gehört das hierher? Nö. Vor allem habe ich gar keine belegbare Quelle für diesen Ausspruch. Nur eine vage Erinnerung, das wo gelesen zu haben. Rein journalistisch also unter aller Sau, untragbar.

Aber dass „es“ für Neukölln zu spät ist, dürften Insider auch ohne exakte Quellenangabe bestätigen können.

Doch, es waren zwei schöne Tage am Meer. Möwen, Muscheln, Wein, Wildnis, Wisente. Aber ein Investment im (moderaten) fünfstelligen Bereich ist hier, im „Sylt des Ostens“ illusorisch geworden. Morgen geht der Zug zurück. 8.22 Uhr. Nach Stettin. Für ca. 4,50 Euro.

Es ist zu spät.