Souvenirs, Souvenirs

Willkommen zurück in Berlin!

Ganz gegen meine Natur sitze ich höchst allein am Schreibtisch, die Stammkneipe muss ohne mich auskommen. Das ist tragisch und erinnert an frühere Pandemie-Lockdown-Zeiten, in denen Sondereinheiten der Polizei darauf achteten, dass sich Leute nicht auf Parkbänke setzten. Auch dieses Mal hat es mit der Pandemie zu tun. Ich starte mit einem „Krombacher“-Bier, obwohl auch noch ein „Stiegl Gold“ vorrätig ist.

Nun muss man nicht nach Österreich fahren, um im multinationalen Berlin ein „Stiegl Gold“ zu ergattern. Zum Skifahren ist das aber ratsam, denn damit hat es Berlin nicht so.

Das Aufsammeln von Frau Hiob am Münchner Hauptbahnhof klappt tadellos, ein Kaffee in Garmisch, den Fernpass bezwungen und hinter Imst in die sinkende Sonne hinein, Kurs St. Anton am Arlberg.

Berge! Berge! Alles voll!

Ich bemühe mich um Erinnerungen. Viel hat sich in St. Anton nicht verändert, obwohl ich einige Erlebnisse falsch in Mayrhofen oder Mühlbach am Hochkönig verorte. Das kommt davon, wenn man so viel unterwegs ist. Doch die Metadaten eines alten Fotos auf Frau Hiobs Handy verraten, dass wir schon einmal hier waren. 2016 also, vor sechs Jahren.

Seltsam, dass es darüber keinen Blog gibt, auch im legendär-klassischen „TarzanBerlin“-Dings nicht. Vermutlich war ich vom „Harakiri in Mayrhofen“ des Vorjahres noch tiefenbewegt, sodass ich hier nichts Erwähnenswertes fand. Außerdem war damals noch keine Corona-Pandemie.

Auffallend ist, dass alle Menschen, auch alle einheimischen Ladenbesitzer und Gastronomen, ausschließlich Englisch sprechen. Sie haben angesichts der Touristenmassen resigniert und reden einfach nur noch Englisch. Irgendwo klar. Ich hätte auch keine Lust, zweihundertsiebzehnmal täglich zu fragen: „Sprechen Sie Deutsch?“, um dann doch nur ein „No, sorry“ zu erhalten.

Im Hochgebirge tut Orientierung not. Also hier ist nicht St. Jakob. Auch nicht St. Christoph

Ein Pärchen unbekannter Herkunft kommt auf uns zu, wagt es doch: „Sprechen Sie Deutsch?“

„Aber natürlich“, rufe ich fröhlich (und innerlich etwas gehässig, wie damals in Mayrhofen, wo es nur Niederländer gab). „Was denn sonst hier?“
Die beiden suchen den Supermarkt, können wir zeigen, ja. Drinnen sprechen die Kassierer übrigens überhaupt kein Deutsch, hoffentlich haben die zwei Glück mit der Verständigung. Immerhin nimmt man noch Euro- statt Pfundnoten.

Anderntags mit der Rendlbahn hinauf auf 2030 Meter, erste Skiübungen. Die scheinen bei mir bitter nötig. Nach einigen unfallfreien Abfahrten stapfe ich ein Stück durch die Ebene. Beim Stehenbleiben, also einer sagenhaften Geschwindigkeit von 0 km/h, kippe ich zur Seite. Gerade so wie ein Mopedfahrer an der Ampel, der vergessen hat, heute ohne Beiwagen unterwegs zu sein.

Das ist mehr als peinlich, und Gott sei Dank ist es etwas neblig an diesem Morgen. Keiner lacht, und der liebe Gott kann es durch die Wolken hindurch auch nicht sehen. Aber das Aufstehen aus dem Schnee gestaltet sich mühsam. Und wird begleitet von einem plötzlichen Schmerz im Knie. Übergelenkig und dynamisch wie ich bin, hab ich’s mir wieder verrenkt. Wie schon einmal beim Werkeln unterm Tisch, was Tarzan kurzzeitig „un-unterwegs“ sein ließ.

Das erste Souvenir vom Arlberg.

Ich hinke etwas, aber die böse (rote) Piste 1 hinunter ins 700 Meter tiefer liegende St. Anton meistere ich noch. Die „Bifang“-Hütte liegt am Weg, bissl sitzen. Innere Anwendung eines großen Radlers. Später gibt’s Salbe mit Schlangengift. Zur äußeren Anwendung.

Nach den Strapazen der Todeszone erholt man sich im Hospiz am Arlbergpass

Etwa 300 Kilometer Skipisten in sechs verschiedenen Ortschaften verteilen sich hier. Das ist leichter zu durchschauen als der Busverkehr, aber schließlich muss ein Reise-Blog auch einen „Mehrwert“ bieten, also kurz und bündig: Der Bus nach Lech kostet Geld, nach Zürs auch, die Teilstrecke nach St. Christoph ist aber gratis, ebenso die von Zürs nach Lech, der Ortsbus kostet auch nix, fährt aber wohl nur bis Mooserkreuz, die Straße nach Warth ist gesperrt, dorthin überquert eine lange Seilbahn den großen Talkessel. Simpel, oder?

Die 15 Kilometer Luftlinie nach Warth sind auch auf Skiern zu bewältigen. Die Topografie des Geländes erfordert aber akribische Planung: Ein Lift gibt den anderen, durchs steile Seitental hinabsausen, im nächsten Tal wieder hinauf. Und in rasender Fahrt hinunter, immer mehr dem Ziel entgegen.

Schon toll, das. Dank Schlangengift und etwas „Dexibuprofen“ vom Lechdoktor in Lech am Lech (doch, der heißt so) kann ich bald flott mithalten.

Haarig ist nur die Piste 56 durchs Steissbachtal, und es liegt nicht falsch, wer hier auch an „Steißbein“ denkt. Die „Ameisenpiste“, zunächst breit wie eine Autobahn, verjüngt sich unten fies wie ein Flaschenhals und biegt scharf rechts herum. Es ist die einzige Abfahrt aus der „Todeszone“ in „unseren“ St. Antoner Kiez, daher nehmen sie alle, gerade so wie Ameisen. Also auch die Top-Profis, die mit mächtig km/h an einem vorbeirasen.

Aufatmen am „Mooserwirt“. Auf der Homepage nennt sie sich selbstbewusst „wahrscheinlich die schlechteste Skihütte am Arlberg“. Da sollte man also hin. Zwar verbieten pandemische Regeln, dass wir im Stehen bedient werden, aber zwei Menschen erbarmen sich und stehen auf. 60 Zentimeter tiefer, im Sitzen also, ist dann alles gefahrlos möglich.

Gepflegtes Beieinandersitzen, Saufen, Singen. Und ein Bändchen zum Beweis der kompletten Impfung gibt es für die Gäste auch. Leider mit überschaubarem Nutzen, wie bald herauskommt

Was man so als gefahrlos bezeichnet. Wenige Kilometer von Ischgl entfernt, nur durch das kleine Verwall-Gebirge getrennt. Von Ischgl, dem Ort, an dem das Grauen Corona damals vor zwei Jahren seinen Anfang nahm.

Wahre Dekadenz. Ob ich es mal „Eckart“ von der Currywurst-Bude in Berlin-Charlottenburg vorschlage?

Frau Hiob kann nicht vom Skifahren lassen, daher starten wir kerngesund und fit erst nachmittags. Übernachtung in – richtig: Sonthofen im Allgäu. Denn ich kann nicht von Erinnerungen lassen. Wir logieren im „Löwen“, und ich begegne dem Chef der schäbigen „Sports-Bar“ wieder, wo ich im Sommer so manches Bierchen mit ihm trank.

Der Husten beginnt Donnerstag oder Freitag.

Er geht einher mit laufender Nase und einer gewaltigen Mattigkeit.

Das passt nicht zu Tarzan, zumal mich die rote Kachel der Corona-Warn-App schon öfter sinnlos erschreckt hat. Auch in Österreich war sie, sagen wir, recht fleißig. Nach nunmehr drei Impfungen sieht man das entspannt. Doch der Husten sieht das nicht so.

Das zweite Souvenir vom Arlberg.

Das Testcenter ist gleich um die Ecke, das Ergebnis befriedigt mich aber nicht so wie die diversen vorherigen. Ganz und gar nicht.

Ich suche noch ein Testcenter auf, Berlin ist ja voll davon. Diesmal kommt die Ergebnis-Mail noch schneller. Auch die begeistert mich nicht wirklich.

Das Kreuz ist auch hier an der falschen Stelle, nicht dort, wo man es als dreifach Geimpfter erwarten sollte.

Ich bin positiv.

7 Gedanken zu “Souvenirs, Souvenirs

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