Warum ist es am Rhein so schön?

Frech vor Ostern starte ich einen Kurzurlaub ins Rhein-Main-Gebiet. Ich darf das, weil ich fleißig war und der letzte Kurztrip doch schon sehr lange zurückliegt. Ich glaube, das war Stettin. Richtig, da haben wir ja sogar noch polnischen Sprit im Tank.

Ich durchquere ein paar Bundesländer, bis die A 66 nördlich von Wiesbaden gesperrt ist. Der Amöneburger Kreisel macht gleich gute Laune. Und das ist ehrlich gemeint. Durch die Sperrung ist mehr los als sonst, aber: Obwohl gemäß StVO Menschen im Kreisverkehr immer Vorrang haben, wird immer wieder einer reingelassen. Spätestens da merke ich, dass Berlin schon sehr weit fort ist.

Die Chefin des kleinen Hotels im lieblichen Stadtteil Schierstein ist sehr nett, sehr langsam und griechischer Abstammung. „Wieso erwähnt der das extra?“, mögen jetzt passionierte Rassismus-Detektive fragen (ist ja mancherorts sehr „in“).

Nun, weil die Dame vom „Nassauer Hof“ ihn, nämlich den Hof, mit allerlei Artefakten ausgestattet hat, die einen hübschen Kontrast zu dem leicht verwitterten Stadtbild draußen darstellen.

Übrigens hat sich meines Wissens der „eigentliche Nassauer Hof“, ein 5-Sterne-Superior-Grand-Hotel in der Wiesbadener City, noch nicht wegen der Namensgleichheit beschwert. Bei der Eröffnung von „Otto’s“ Burger-Imbissen war da ein bekanntes Hamburger Versandhaus viel empfindlicher.

Auch auf dem Hof dieses „Hofs“ ist illustre Gesellschaft zu bestaunen: ein Mercedes aus Wiesbaden, ein fetter Mazda-SUV aus der Ukraine und ein Honda ohne Kennzeichen. Abgerundet wird das Ensemble vom lebhaften Pudel der Hausherrin, der allerdings auf ein Foto von sich geschrieben hat „Ich möchte nicht gestreichelt werden“.

Denn halt nicht. Ich habe ohnehin ganz andere drei Dates: mit Kumpel Benjamin, der in der Nähe wohnt, mit dem Cousin nebst Gattin, der es Benjamin gleichtut, aber erst vor Kurzem von Amerika hierher übersiedelte. Beruflich, für drei Jahre. Immerhin. Ach ja, und das dritte Date: mit einer atemberaubenden Blondine. Aber erst morgen.

Wo die großen Schiffe schlafen …

Den hübschen Schiersteiner Hafen zeigte mir Benjamin mal vor Langem bei meinem ersten Besuch. Das Wetter war nicht so doll, ebenso versank der Besuch des Mainzer Doms und der legendären „Mainspitze“ in Schmuddelwetter. Aber, wie schon irgendwann erwähnt, kehrt Tarzan immer mal wieder an „Tatorte“ zurück, diesmal bei herrlichstem Osterwetter.

Ach, da steht Benjamin. Wie ich selbst kein bisschen gealtert nach all den Jahren, großes Hallo. Bierchen. Schwatzen. Dämmerung. Wir schlendern noch eine, neudeutsch, „Location“ weiter, als eine etwas zerrupfte Gestalt grüßt, er sieht irgendwie aus wie ein Polizeikommissar undercover. Noch mal großes Hallo.

„Hast du getrunken?“, fragt Benjamin.

„Ja, bissl. Ich musste runterkommen, es ging wieder bis spät.“

Der Stefan (Name jetzt mal geändert) ist tatsächlich Polizeikommissar, aktuell angeschickert und „undercover“. Wieder erreichte ihn in der letzten Nacht eine Meldung über einen psychisch angeschlagenen Jugendlichen. Auf Instagram hatte er der Welt verkündet: „Alles Scheiße. Aber morgen werdet ihr in der Zeitung von mir lesen.“

Amoklauf? Suizid? Alles sprach für Letzteres.

„Oje“, werfe ich ein, „und Facebook ist doch so bockig, rückt keine Daten raus. Bei Instagram-Juxnamen findet man den doch gar nicht!“

„Ich habe ihn gefunden“, sagt Stefan müde. „Man kümmert sich um ihn. Und jetzt muss ich schlafen.“

Ist recht, Herr Kommissar. Wir nehmen noch ein Bier in der Hafenbar, die er grad verlassen hat.

Puh, das fängt ja gut an. Kommissar Stefan hat den selbstmordgefährdeten Jungen aufgespürt. Respekt der hessischen Polizei. Die Berliner „Kollegen“ hätten nicht mal angefangen zu suchen, eher den Meldenden mit einem Bußgeld bedroht. Wegen Datenschutzverstoßes zum Beispiel.

Aber hier in Wiesbaden ist man vielleicht sensibilisierter. Es ist ja auch der Sitz des Bundeskriminalamts. Es ist nicht Berlin. Deshalb bin ich ja hier. Mal wieder unterwegs.

Wir trinken also noch ein Bier. Auf den gestressten Polizisten Stefan. Es ist dunkel geworden. Überm Südufer des Rheins senken sich blinkend, lautlos, im Minutenabstand, die Flugzeuge Richtung Frankfurt.

Absacker am Wasser. Schierstein kann auch „hip“

Mir fallen mein weitgereister Cousin und seine Gattin ein. Nach einem Video-Anruf mit „Führung“ durch die leere neue Wohnung schrieben sie, dass nun alle Möbel da seien.

Da sollte man nach deutscher Sitte Brot und Salz mitbringen. Aber eine Pappschachtel Salz vom „Penny“-Supermarkt erscheint mir profan. Ich frage mal den Einheimischen Benjamin, wo ich am morgigen Gründonnerstag einen wunderschönen repräsentativen Salzstreuer bekommen könnte.

Tatsächlich arbeitet er seit einiger Zeit im Nahrungsmittelbereich, das große Gebäude seiner Firma ist gar von hier zu sehen. Allerdings ist er dort nicht als „Salzstreuer-Fachwirt“ angestellt, hat also keine verwertbare Idee. Es war ein netter Abend, Benjamin radelt heim. Es lebe der Sport. Er macht’s wie ich.

Zum repräsentativen Salzstreuer wird mir Google verhelfen. Wir leben im Smartphone-Zeitalter. Ganz ohne Hilfsmittel entdecke ich noch eine Kneipe dicht am Hotel. Das Weizenbier ist günstiger als am Hafen, es gibt Licht zum Lesen, es darf geraucht werden. ich schaue bzw. höre sehr unauffällig dort dem Volk aufs Maul.

Es geht natürlich um den Ukraine-Krieg. Das bewegende Fußballspiel Eintracht Frankfurt gegen Barcelona steht erst morgen an. Ich weiß noch nicht, dass diese Pinte auch in den nächsten Tagen mein abendlicher Anlaufpunkt werden wird. Aber so kommt es halt, alte Leute brauchen feste Strukturen.

Hören wir also mal rein:

„Man brügelt sisch um Bratenöl. Des iss doch unfassbar, wie damals umme Globabbier!“

„Es isch de, de … Korn … Korn … de Kornkammer! De Kornkammer Europas!“

„Na ebbe! Ukraine braucht ka Hunger leide net!“

„Diese Oligaven kaufen doch alles weg!“

„garchen.“

„Watt?“

Oligarchen heißen die.“

„Da könn de Leut do nischt dafür!“

„Nää, wat de Putin macht, iss doch totale Scheiße! Angeglaagt gehört de Typ!“

Soweit die treffenden außenpolitischen Analysen. Zwischen zwei Weizenbieren gehört. Ich gehe davon aus, dass sich die übrige Welt zumindest dem letzten Satz vorbehaltlos anschließt.

Und ich verabschiede mich vom ersten Schierstein-Abend ins Bett. Morgen will ich, ja was wohl, „unterwegs“ sein. Ein neues Date.

Eine ganz atemberaubende Blondine.

3 Gedanken zu “Warum ist es am Rhein so schön?

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