Ein Märchen aus alten Zeiten

„… das geht mir nicht aus dem Sinn.“

Perfekt ausgeschlafen und voller Tatendrang, wie es sich für ein Hotel namens „Nassauer Hof“ gehört, verlasse ich dasselbe. Frühe Sonne. Fein.

Aus immer noch coronabedingten Gründen gibt es das Frühstück nebenan in der Bäckerei. Später wird die Chefin meinen guten Willen honorieren, indem sie mir die Kaffeemaschine zeigt: „Hier drücken: Espresso. Da drücken: Caffe crema.“

Das Date mit einer atemberaubenden Blondine wartet. Auf einem Felsen. Nicht so weit von hier. Eine Fahrt durch eine geschichtsträchtige Landschaft. Das Mittlere Niederrheintal.

Nein, Moment. Das Untere Oberrheintal.

Nee, auch nicht. Wie heißt das noch? Kurzer Anruf bei der Naturwelterbe-Abteilung der Unesco. Ah ja, danke.

Oberes Mittelrheintal.

So. Puh.

Brot und Salz wollte ich ja noch besorgen, fürs neue Domizil der USA-Verwandten. Wie vermutet, führt mich das kluge Google zum „TEDI“-Markt in Schierstein, der ja nahezu alles hat. Was ich ergattere, ist nicht mega-schön, aber zweckmäßig.

Kurz vor Eltville überhole ich den Tanker „Piz La Margna“, unterwegs gen Rotterdam. Das spricht schon mal für mein altes, aber noch flinkes Auto. Dann allerdings ist die B 42 gesperrt. Umleitung durch die Hügel des Rheingau. Ich lerne, dass es dort sogar richtige Spitzkehren gibt.

Kurz vor Kaub treffe ich wieder auf die B 42. Ich halte und schaue a bissl auf den großen Strom. Die Bundesstraße ist wunderbar leer, was meinem Individualismus sehr entgegenkommt. Ja, und was kommt da vorne schäumend daher? Die „Piz La Margna“!

Die Luft ist kühl und es dunkelt
und ruhig fließt der Rhein

Also so was. Wie peinlich. Einen Moment lang überlege ich, ein Wettrennen mit diesem Tanker nach Duisburg zu starten. Nein, das ist heute nicht zweckdienlich. Die sagenhaft blonde Frau ist wichtiger. Nein, „sagenhafte“ müsste es heißen. Obwohl sie doch bestimmt da ist. Man würde ja sonst nicht allerorten von ihr reden.

Der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein

In Niklaus Schillings Film „Rheingold“ gibt es eine Szene, wie Rüdiger Kirschstein mit seiner Geliebten auf dem Loreley-Felsen knutscht. Unten fährt einer der TEE-Züge vorbei, in dem sich Jahre später das Schicksal der (blonden!) Hauptdarstellerin erfüllen wird.

Ich halte das für eine geniale absichtliche Allegorie (oder wie man das nennen mag) des Regisseurs. Wie ich so nun mal bin, hat mich das nie losgelassen. Irgendwann wollte ich da auch hinauf. Nicht, um die damalige Hauptdarstellerin zu knutschen, sondern um auf das Obere Mittelrheintal zu blicken. Und die echte Blondine zu sehen. Die es ja wohl zweifellos gibt. Und ich bin fast da.

Ein Kiesparkplatz am Fuß des legendären Felsens. Nur wenige Leute da. Kommt mir wieder zupass. Ich kann so in aller Ruhe die 500 Meter lange Mole entlangschlendern. Bis zur Spitze, wo man eine Loreley-Statue hingesetzt hat.

Die Statue ist für Leute, die den Fels nicht hochklettern können oder wollen, die Mole für Schiffe, die so an den gefährlichen Riffen vorbeigeführt werden. Sonst würde die Blondine mit ihrem Gesang sie wieder ins Verderben lotsen.

Schöne Schlösser am Rhein

Ähnlich wie auf Berliner Brücken hängen hier diverse Vorhängeschlösser herum. Zum Hängen sind sie ja auch da. Und anders als auf Berliner Brücken werden sie hier nicht amtlicherseits entfernt, die Stelle ist zu abgelegen, als das ernste Gewichtsprobleme an Kette oder Geländer entstehen könnten. Die Mole hier parallel zum Ufer bricht wohl nicht so schnell zusammen. Wie Berliner Brücken.

Natürlich weiß ich sehr wohl, dass vom Landesinneren eine Straße auf den Felsen führt. Aber dieser Blog heißt „Tarzan“ und nicht „Kraftfahrer“. Deshalb stehe ich hier unten. Um gemeinsam mit meinem linken Knie die Herausforderung zu meistern. Okay, es sind nur Treppen.

Natürlich bin ich in weniger als den ans Schild geschriebenen 30 Minuten auf dem Plateau. Es ist ja nur knapp 130 Meter über dem Rhein.

Etwas ernüchternd hier oben. Bauzäune, Staub, man will den „Naturpark“ noch hübscher machen. Das täte not, sind es doch nur ein paar Pflasterwege zwischen Rasenflächen. Kinder laufen ihren Eltern hinterher, laut weinend, weil sie gar nicht laufen wollen.

Oooooch! Alles wird gut, ihr Kleinen. Schon bald nach diesem Gründonnerstags-Ausflug fährt euch Mama wieder mit dem 2-Tonnen-SUV in die nahe Schule, ja? Alles wird gut.

Ein seltsames Schild fällt auf. Loreley, mein heutiges Date, mit einem Bauhelm auf dem Kopf. „Mythosraum“. Wieso „Mythos“? Sie lebt doch. Und sie will, wie seit uralten Zeiten, abends Schiffer auf die Unterwasser-Felsen locken. Hätte man sonst die Leitmole gebaut? Eben.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar,
ihr goldnes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar

Da vorn, an der Felsspitze, am fürchterlichen Abgrund, steht sie!

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh‘

Die echte, diese legendäre Blondine, wegen der ich hier hinaufgeklettert bin. Braune Wildlederjacke, schwarze Hose. Sie studiert die Info-Tafeln, während ein Mann (ihr Mann?), den Arm um ihre Schultern gelegt, linkshändig Handyfotos vom, ja, Oberen Mittelrheintal schießt.

Zwei Kinder, oder gar drei (?), wuseln um die beiden herum. Ich bin derart ergriffen, dass ich nicht mehr so recht zählen kann.

Womöglich ist sie es gar nicht? Sie ist doch, gemäß der Historie, auch erst „im Abendsonnenschein“ hier anzutreffen?

Ich glaube, am Ende verschlingen
die Wellen Schiffer und Kahn

In diesem Fall lasse ich mal die Investigativ-Recherche, für die dieser Blog berühmt ist. Etwas missmutig stapfe ich durch die Weinterrassen an der anderen Felsseite bergab, komme am, jawohl, „Loreley-Tunnel“ der rechtsrheinischen Bahnstrecke aus dem Gestrüpp heraus.

Ein kurzer Fußmarsch noch um den Felsen herum, da ist der Parkplatz. Vorher aber entdecke ich auf dem Radweg längs der Bundesstraße Entsetzliches.

Und das hat mit ihem Singen
die Lorelei getan

Ein Gedanke zu “Ein Märchen aus alten Zeiten

  1. Pingback: Mal so zwischendurch für Willi – TarzanUnterwegs

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