Unterwegs an Rhein und Main

Tarzan wäre nicht Tarzan, wenn er nicht angesichts der recht neuen Umgebung alles erforschen wollte.

So angenehm es auch auf dem sonnigen Hof des kleinen Hotels „Nassauer Hof“ oder auch in der verrauchten Pinte um die Ecke sein mag. Die Sonne lacht, es zieht mich in die große Stadt. Zu Fuß. Etwas wandern.

Wobei natürlich auch der kleine Ortsteil Schierstein einen gewissen Charme hat. Neben dem „Nassauer Hof“ mit dem weißen Pudel, der Griechisch versteht, und dem hübschen Hafen, gibt es hier, und das ist erwähnenswert, den „Lieblingsakustiker“.

Über den Ursprung dieses Namens habe ich bisher nichts GEHÖRT

Nun ostwärts auf der Rheingaustraße, Richtung Biebricher Schloss. Ein endloses Gewerbeareal trennt Schierstein brutal vom Rest der Stadt. Autohäuser, Werkhallen, GmbHs. Alle ohne Hausnummer.

Da lobe ich mir doch die deutlichen Hausnummernschilder in meiner Berliner Wohnstraße. Da weiß jeder sofort, was Sache ist. Außer der DHL natürlich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Straße senkt sich nun leicht abwärts zum sonnenbeglitzerten Strom. Ein Ausdruck, den mir übrigens meine Lektorin Frau S. aus H. verbot. Egal. Also bitte:

Schloss Biebrich ist erreicht. Auch wenn ich es schon zweimal in den letzten hundert Jahren (oder so) im Vorbeifahren sah, ist nun Zeit, den riesigen Schlosspark zu durchwandern. Famose Idee. Nur so kann man nämlich die „Mosburg“ im hinteren Teil entdecken, die nach speziellen Vorgaben errichtet wurde.

Zur Errichtung einer solchen Gartenburg bitte untenstehende Handlungsanweisung beachten

„Die Lage der Ruinen sollten gewöhnlich in fernen Gegenden des Parks vorzüglich (…) da gewählt werden, wo sich die Natur in ihrem ernstlichen, feierlichen Charakter zeigt, wo Einsamkeit und schauerliche Stille wohnt, wo die ungesehene Aeolsharfe ertönt, (…) da können sich solche Reste aus längst verschwundenen Jahrhunderten schicklich erheben, und der Täuschung näher treten.“

Jetzt weiß man also bitte Bescheid.

Über den Hauptbahnhof bringt mich die S-Bahn nach Mainz-Kastel. Mehrere Besonderheiten kann der Preuße hier lernen: Erstens wird es „Kastell“ ausgesprochen, mit Betonung auf der zweiten Silbe.

Zweite Besonderheit: Ich bin immer noch in Wiesbaden, also der Landeshauptstadt von Hessen. Trotzdem heißen hier einige Stadtteile „Mainz-Amöneburg“, „Mainz-Kostheim“. Und eben „Mainz-Kastel“. Mit Betonung auf der zweiten Silbe.

Gebietsreformen der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg führten dazu, dass einiges vom früher rheinland-pfälzischen Mainz dem nun hessischen Wiesbaden zugeschlagen wurde. So was kommt vor, und es stört keinen, da sich alle irgendwie dran gewöhnt haben.

Leider gibt es östlich von hier, nein, nicht in Wächtersbach oder Fulda, sondern noch weiter östlich, einen geisteskranken Despoten, dem solche rheinische Mentalität fremd ist. Nachbarschaft ist nicht sein Credo, sondern die gewaltsame „Zurückeroberung“ des einstigen russischen Großreichs.

Arme Sau. Er wird enden wie Hitler. Aber um welchen Preis? Viele Unschuldige müssen sterben für diesen Größenwahn.

Vielleicht wird, wer einst diesen Blog liest, gar nicht mehr wissen, wer mit diesem Despoten (für jene: Wladimir Putin) gemeint ist. Das wäe wünschenswert. Ebenso wissen jene dann nicht mehr, was „Corona“ haißen sollte. Auch wünschenswert.

Zurück zur Bahnschranke nach Mainz-Kastel. Es wird auf der zweiten Silbe betont, und die Bahnschranke ist geschlossen.

Ich mag es, an der Bahnschranke zu stehen. Die Luft flirrt, es riecht nach Schotter und Staub, es ist eine Art Entschleunigung. Der Gegenzug, die S-Bahn nach Wiesbaden-Ost, brummt vorbei, knarzend heben sich die Schrankenbäume. Um sich gleich nach meinem Passieren wieder bimmelnd zu senken. Die nächste S-Bahn naht. Diesmal nach Frankfurt-Höchst.

Höchst angenehm, diese grüne Friedlichkeit im abgeschiedenen Mainz-Kastel (auf der zweiten Silbe betont), dazu noch auf Wiesbadener Gebiet gelegen. Ich wandere mal bis zur Mainmündung.

Hier komme ich natürlich nicht so schnell hinüber. Eine weitere Wanderung zur Brücke nach Gustavsburg steht bevor. Auch hier aufregende Überraschung: Gustavsburg gehört nicht etwa zu Mainz, was sowieso schon fern liegt, auch nicht zu mehr Wiesbaden, sondern bereits zum Landkreis Groß-Gerau! Autokennzeichen GG. Opel. Rüsselsheim. Kenner wissen Bescheid.

Rechts ab, zurück zur Mainspitze. Wem das hier geografisch zu kompliziert ist: Ich kann erst südlich des Mains nach Mainz (also Mains und Mainz) überwechseln. Nur dort gibt es die gigantische Mainzer Südbrücke, welche main, äh mein Ziel ist.

Noch eine Überraschung: Der berühmte Kult-Ort Mainspitze hat eine eigene Bank!

Sonne, glitzerndes Wasser, die Türme von Mainz. Ein mächtiges Frachtschiff biegt von Süden in den Main ein. Das wird eng. Puh, getroffen. Von der Havel in die Spree im heimischen Berlin ist es noch enger, deshalb will man das „Spandauer Horn“ abtragen. Das wird hier nicht passieren, sind doch erst gaanz toll eigenwillige „Sitzmöbel“ aufgestellt worden.

Ich müsste jetzt mal über diese gewaltige Eisenbahnbrücke marschieren, bin ich doch mit Benjamin verabredet. Am Dom zu Mainz. Sehr fern ragt er aus dem Häusermeer hervor. Dann mal los.

Von 1862, das Ganze. 1000 Meter insgesamt zieht sich die Brücke samt Pfeilern über den Rhein und das anschließende östliche Land. Staunend steht der Chronist oben auf dem monumentalen Bauwerk

Am Domplatz treffe ich auf eine Mauer aus etwa einer Milliarde Menschen. Du liebe Güte! Ein Beatles-Konzert? Ohne John natürlich. Oder kommt Tina Turner? Nö, es ist der ganz normale Wochenmarkt. Welcher Teufel hat Benjamin geritten, mich HIER treffen zu wollen? „Bei der Sparkasse.“

Witzig. Es gibt derer drei, zu sehen im Getümmel aber nur auf GoogleMaps.

Gut, dass es WhatsApp gibt. „Beim ADAC-Büro.“ Aha. 180 Meter laut Google.

Im Gewimmel ruft ein Mann aufgeregt in sein Handy. „Wir sind da, wo die ganzen Leute sind. Wo die alle anstehen.“ Das muss der vielgerühmte rheinische Humor sein.

Da sitzt Benjamin, hat ein Plätzchen in der Sonne gefunden. Gerade noch rechtzeitig. Denn jetzt zum Mittag, wird es so schlimm, dass die Kellnerin zu Neuankömmlingen sagt: „Stellen Sie sich da vorn hin, Sie werden platziert.“ Einstigen DDR-Bürgern könnte diese Formulierung bekannt vorkommen. Selbst ich „Wessi“ hörte sie unlängst. Im Restaurant „Volkskammer“ am Berliner Ostbahnhof.

Prost auf dem Domplatz zu Mainz. Sie werden platziert

Okay, Mainz ist spannend. Auch die Busfahrt zum dortigen Hauptbahnhof. Ich bin froh, irgendwann wieder im „heimischen“ Schierstein zu sein. Im kleinen Lokal „Grunsels Börnchen“ gegenüber des Bahnhofs.

Auch Schierstein hat eine Bahnschranke

Die Bedeutung dieses schrägen Namens mag jeder selbst herausfinden, heute nur so viel: „Born“ heißt Quelle, und es geht um den nahen Lindenbach. So. Hunger.

Ich kann mich nicht zwischen Steak und dem (billigeren!) Cordon Bleu entscheiden. Trotzdem empfiehlt der Kellner genau das. „Ein Steak kriegen Sie immer irgendwo, unser Cordon bleu niemals nirgendwo auf der Welt!“

Stimmt exakt. Es wird so enden, dass ich die zweite Hälfte des Monstrums, so dick wie das Telefonbuch von, sagen wir mal: Offenbach, erst daheim in Berlin aufesse. Entsprechende Mitnahmeboxen sind Standard im „Grunsels Börnchen“, was ich hiermit ausdrücklich empfehle. Nein, es ist uneigennützig, ich habe meine zwei Halbe „Appelwoi“ selbst bezahlt.

Trotzdem geht es noch mal in die Kneipe „umme Ecke“, dem Volk aufs Maul schauen. Heute ist eine bedeutende Person des öffentlichen Lebens anwesend. Kein Prominenter, eher eine Figur wie aus Erich Kästners Erzählung „Märchen vom Glück“.

„Ich bin der Mann, der einen Wunsch frei hat“, erzählt jener, auch in einer Gaststätte, dem Schriftsteller. Drei Wünsche waren es, aber zwei, ziemlich gedankenlose, hat er schnell verbraucht. „Den dritten und letzten habe ich 40 Jahre lang nicht angerührt. Wünsche sind nur gut, wenn man sie noch vor sich hat.“

An diese Figur muss ich denken, als ich den Mann am Tresen schwadronieren höre. „Das Freibier hat mein Leben gerettet. Ohne das Freibier wäre ich heute tot!“

Nun bieten sich Witze über stechenden Durst an. Aber der Fall liegt anders. Am 5. April 1986 war dieser Mann in Berlin, wollte in die Diskothek „La Belle“. Was in jener Nacht passierte, ist hier nachzulesen.

Der Mann neben mir in der kleinen Pinte in Wiesbaden-Schierstein wurde durch das Freibier aufgehalten. Als er es ausgetrunken hatte, war der Terroranschlag im „La Belle“ bereits passiert.

Und als der Mann zum dritten oder vierten Mal laut ruft: „Ein Freibier hat mir das Leben gerettet!“, wird klar, wie glücklich er seit nunmehr 36 Jahren sein muss. Gerade so wie der alte Mann in Kästners Erzählung.

Und das hier in Wiesbaden-Schierstein.

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