Plötzlich und unerwartet

Es gibt wieder eine kleine Reise nach Hamburg.

Papa soll besucht werden, auch die nette Katze, die ihm freundlich Gesellschaft leistet, aber zum Abend hin regelmäßig im Garten durchdreht.

Frau Hiob möchte vom Hauptbahnhof abgeholt werden, nach einem Spanien-Trip (wieso war ich eigentlich nicht dabei?) bringt sie ein FlixTrain vom Rhein in die Hansestadt.

Und die Tante auf dem flachen Land (wo ist hier oben das Land nicht flach?) will Vaddern und mir Samstag ein Geburtstagsessen kredenzen. Welch friedlich geruhsames Wochenende wartet da.

Und dann kommt etwas anderes. Eine WhatsApp-Nachricht.

Freund, Kumpel, Buddy und Mit-Sternzeichen R. hatte einen schweren Herzinfarkt. Den zweiten. Der erste, vor einigen Jahren, war harmlos. R. war gewarnt, schränkte Trinken und Rauchen ein. Na ja, etwas.

Unser letztes Treffen ist etwas her. Damals gab es „Astra“-Bier in seiner alten Heimat. Denn auf St. Pauli trinkt man Astra. Er war da schon samt Gattin in einen ruhigen Ort „etwas außerhalb“ gezogen. Der Touristen-Trubel im damals neuen Hamburger Stadtquartier „Sternschanze“ war unerträglich geworden. Genau wie der überlaufene Berlin-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, salopp „XHain“ genannt, zusehends unerträglicher wird.

Dann kam Corona. Und Homeoffice. Und zu wenig Bewegung. So erklärt es seine Frau. Und dann geschah es. Notarzt. Intensivstation. Künstliches Koma. Das Gehirn. Zu lange ohne Sauerstoff. Ich soll kommen.

Ausgerechnet das Gehirn. Sein gewaltigstes Kapital. Fast so brillant wie meines, wie viele Nächte haben wir uns beim Bier begeistert „duelliert“. Und jetzt ist dieser eloquente, geniale Scherzbold in ein Koma versetzt worden. Sieht nichts, riecht nichts, hört nichts. Vermutlich zumindest. Oder kann Ansprache doch etwas ausrichten? Manchmal hört man von solch Wundern.

Das Krankenhaus liegt weit draußen im Westen Hamburgs. Dort, wo die eingleisige S-Bahn Schrankenübergänge hat und auf den Wiesen Pferde und Schafe zu sehen sind. Alle kerngesund.

Ich tapere etwas orientierungslos durchs Klinik-Gelände, bis ich den „Haupteingang“ finde. Seltsamerweise mittendrin, direkt an der Intensivstation.

Da sitzt R.s Frau draußen auf der Bank, starrt zu Boden. Sie war bereits bei ihm, auch seine Schwester war da. Die ist schon wieder weg, konnte es nicht lange ertragen.

„Meinst Du, dass ich reinsoll?“, frage ich.

„Wenn er wach wäre, würde er sich freuen. Aber er ist nicht wach. Und er wird es wohl auch nicht mehr.“
Sie beginnt lautlos zu weinen.

Drinnen Maske, klar. Hier bitte, Impfbescheinigung. Der Test von heute früh aus Berlin. Die schwere Tür zur Intensivstation öffnet sich brummend.

„Es sind nur ein paar Meter“, sagt der diensthabende Arzt. „Sind Sie Familienmitglied?“

„Nein. Aber ich will mit ihm reden. Vielleicht kommt was an, es gibt doch da vielleicht Empfänger-Synapsen oder so? Wir kennen uns seit, weiß nicht, 100 Jahren?“

„Wir wollen nichts ausschließen“, sagt der Blaukittel. „Es gibt diese Wunder. Reden Sie. Reden Sie, was Sie wollen, halten Sie seine Hand. ES KANN HELFEN. Aber erwarten Sie nichts. Es ist …“ Auch ihm versagt die Stimme, er deutet auf das Zimmer. „Ich lasse Sie allein. Erzählen Sie ihm.“

Ein Stuhl. Das Bett. Der Schlauch. R. wird künstlich beatmet. Und ich fange an zu reden, und ab und zu zuckt sein Kopf. Sind das Stöße vom Beatmungsgerät? Oder HÖRT er mich?

„Pass auf, R., eeeeeiiin hab ich noch!“

Ich hatte das gerade im Autoradio gehört.

„Liberrraaal, als gar kein Fisch!“ Okay, das dauert jetzt etwas, hatte sogar der Radiomoderator zugegeben. R. würde das saugut gefallen, er liebt diese flachen Wortspiele, hat auch mal während eines nächtlichen Gelages einen genialen Limerick gezimmert.

Aber R. antwortet nicht. Keine Reaktion. „Ungehobelter Flotz!“ So würde er mich jetzt nennen, wenn ich seine hintergründigen Jokes wieder mal nicht kapiere.

Das Schlimme in den stillen Minuten an R.s Bett ist die Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit. Er, R., ist mein Sternzeichen. Darauf waren wir beide stolz. Und ein Lebensjahr Unterschied? Pfft, was bedeutet das schon? So dachten wir. Aber am letzten Wochenende hat das Schicksal anderes für R. vorgesehen. Und uns beide nun, eigentlich fast gleichaltrig, um Lichtjahre getrennt.

Es hätte auch mich treffen können. Corona, Homeoffice, Bier, Zigaretten. Wir sind nahezu gleich alt. Nur dass ich hier auf diesem Stuhl sitze. Und jederzeit aufstehen und gehen kann. Er nicht.

Draußen auf der Bank sitzen jetzt zwei. R.s Frau stellt mich vor: „Uralter Freund. Ihr zwei habt euch vor 30 Jahren mal gesehen.“ Ich kann ihn nicht einordnen, zu viel Zeit ist vergangen. Wieso liegt R. jetzt da drinnen, seit 30 Jahren fit und plötzlich reglos, nicht ansprechbar?

Unser letztes kurzes Gespräch dreht sich um die Verlegung in die Palliativ-Station. Die Endstation. Wenn nicht ein Wunder geschieht. Das vielleicht ich verursacht habe? „Liberrraaal, als gar kein Fisch!“ Klar, dauert etwas. Aber R. ist alles zuzutrauen. Der hört zu, auch wenn er sich nichts anmerken lässt.

Ich muss zum Hauptbahnhof. Frau Hiob ist auf der Anreise, die große Halle, in der ich viele Jahre nicht war, ermöglicht ein nettes Foto.

Bahnhof

Der FlixTrain mit Frau Hiob ist pünktlich. Aber natürlich hieße sie nicht so, wenn nicht am Abflughafen in Spanien ein Unglück passiert wäre: In der Schlange vorm Gate stellt sie fest, dass auf ihrem Handy, in der Corona-App, alle Impfbescheinigungen verschwunden sind. Die jedoch sind zwingend nötig, um das Flugzeug zu besteigen.

Wir werden hier nicht erörtern, mit welchem Trick sie dann doch abflog. Das wäre ja noch schöner, nee, nee. Aber es passt mal wieder ins Bild. Frau Hiob erreicht Hamburg, und wir trinken Sekt.

Und am nächsten Tag geht es mit Vaddern aufs Land, Tante hat zum Geburtstag Rouladen gemacht. Zwischen Schlemmerei und Kaffee spaziere ich ein wenig, am Bahnhof dieses Dörfchens in der Elbmarsch war ich auch sehr lange nicht.

Bahnhöfchen

Wie so viele Bahnhöfe, an denen Tarzan umherstreift, ist auch dieser arg verlassen. Chronistenpflicht gebietet es, dass ich mal am Automaten checke, was eine 10-minütige Fahrt nach Lüneburg kosten würde. Es sind 3,10 Euro. Aber das Display ist sehr schwer zu erkennen. Obwohl es schon 15 Uhr nachmittags ist.

Ist das wichtig? Ja. Tarzans Beobachtung ist hoch relevant. Denn das halbe Dorf motzt, dass dieser Automat selten hirnlos aufgestellt ist. Für Reisende ist das Automaten-Display morgens um sieben aufgrund des Sonnenstandes überhaupt nicht zu erkennen.

Berlin (dysfunktionale Hauptstadt) ist also überall. Jetzt ist der Missstand in der Welt, vielleicht ändert sich was.

Geändert hat sich auf jeden Fall was in Hamburg. Gegen 20 Uhr, Vaddern ist bereits schlafen gegangen, ich sitze vorm Fernseher, kommt eine weitere WhatsApp-Nachricht.

Von R.s Frau.

Er ist gegangen. Um 17.17 Uhr.

Seltsame Zeit. Früher hatten wir gemeinsam um 17 Uhr in der Hamburger City Feierabend, trafen uns freitags am nahen Großneumarkt. Meist hatten wir also um 17.17 Uhr das erste kleine Bier gekippt.

Ja, R., ich habe den Gruß begriffen. Deinen letzten versteckten Scherz.

Mach’s gut.

Es tut weh.

5 Gedanken zu “Plötzlich und unerwartet

  1. Martin K

    Hallo C… bzw. TarzanBerlin,
    dein Blog „Plötzlich und unerwartet“ ist sehr schön. R. liebte die Ka…. lauer von A bis J.
    Ich bin ein Arbeitskollege, M., oft habe ich mit R. derartige Wortspielchen vor der Tür während der Rauch….. ähm Augenpause (wg. der Bildschirmarbeit) genossen. Ich trinke Astra auf R.
    R. ist bei uns, sieht und hört alles und lacht mit uns !!!!
    Viele Grüße
    M.

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    1. Hallo, Martin,
      Danke für dein Blog-Lob, er ist von den vielen wohl der am wenigsten lustige.
      Wenn R. uns zuhört, womöglich noch lacht, würde es mich freuen. Ein oder zwei Astra mache ich auch mit, der Späti in Berlin ist gut sortiert.
      Sein erwähnter Limerick, eines Nachts beim Bier entstanden, die trockene Lakonie werde ich nie vergessen:
      „Ham wir ein paar Drinks genommen/
      sehn wir alles sehr verschwommen/
      nehm‘ wir noch ein‘ hinterher/
      sehn wir bald schon gar nix mehr/
      Ja ja, so kann es manchmal kommen.“

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