Total online. Es geht mir gut

Neulich war ich mal wieder im Büro. Ja, nach langer Corona-Pause. Rund zwei Jahre und zwei Monate jetzt immerhin.

Nicht dass ich es müsste. Zwar ist die Begrenzung der „Anwesenheitsquote“ jetzt weggefallen (Maskenpflicht und Abstandsregeln nicht), aber es scheint, als ob mich niemand vermisst.

Etwaigen Frust darüber verhindert ein freundliches Online-Erlebnis anlässlich einer Video-Konferenz. Meine eigene Kamera ist natürlich schamhaft ausgeschaltet. Ich sehe Cheffe dort basteln und er hat wohl Ton-Probleme. „Irgendwas geht hier nicht. Hört mich überhaupt jemand?“

Stille.

Okay, ich erbarme mich. „Ich hör dich.“

„Ah, hallo, Tarzan. Okay, gut.“

Er hat mich erkannt! Nur an der Stimme! Nach zwei Jahren!
Famos. Da könnte ich ja auch im Homeoffice bleiben. Die Neugier aber treibt mich in den Neubau. Die feierliche Eröffnung fiel auch schon in die Pandemie-Zeit, einmal war ich erst dort. Ganz oben, auf der grünen Dachterrasse.

Nun also tapere ich mit meinem MacBook hinein, schauen, ob man dort auch arbeiten kann.
Wer Englisch spricht, kann es auf jeden Fall. Als multinationaler Konzern, aus „Chiefs“ und „Head ofs“ bestehend, heißt der neue Raum „Co-working Space“. Also nicht etwa „Arbeitsplatz“.

Der aktuelle „Spiegel“ stellt das Arbeitsleben schlimm dar. Nein, sorry, mir geht’s gut

Ebenso gewöhnungsbedürftig ist der Speiseplan der Kantine. Da ich dummerweise nicht drei Jahre die Gastro-Akademie in Birmingham besucht habe, kann ich nicht alle Gerichte deuten. Aber alle 60 Sekunden wechselt die Anzeige in diesem Gebäude in der deutschen Hauptstadt die Sprache, sodass es auch Einheimische lesen können.

Nein, das ist jetzt kein Rassismus. Es ist auch kein Rassismus, wenn ich missbillige, dass bärtige Hipster den „Co-working Space“ als Telefonzentrale missbrauchen und stundenlang Englisch in ihre Apparate brüllen. Ich bin allerdings befremdet, dass diese Leute meine „Kollegen“ sein sollen. Denn öffentlich zugänglich ist dieser Arbeits-, äh, „Co-working Space“ nicht.

Gemach. Zu Hause ist auch schön. Die Nebenkosten-Abrechnung für meine Eigentumswohnung in Hamburg ist da. Da könnte ich gleich mit meinem Privat-Tablet bei feinem Bier in der Kneipe die Mieterin mit den neuen Zahlen beglücken. Das Dokument (der Brief an sie) vom Vorjahr schnell an mich selbst mailen, und los geht’s.

Wer sich fragt, warum ich nicht einfach meinen Laptop mit in die Kneipe nehme, hat nicht aufmerksam gelesen. Ist aber eine lässliche Sünde bei nunmehr über 300 begeisternden Blog-Beiträgen. Hier ist zu lesen, dass der Akku des heimischen Laptops den Geist aufgab.

Das Bier steht schäumend vor mir, und natürlich ist alles nicht so einfach wie gedacht. Zwar kann ich das mir selbst geschickte Dokument (den Nebenkosten-Brief an die Mieterin) problemlos herunterladen. Dann sollte man nur rasch die Zahlen ändern. Denn Nebenkosten haben die Eigenschaft, sich zu ändern, fallen mal höher, mal niedriger aus. Wobei man über die Schneeräumungskosten in Zeiten des Klimawandels auch durchaus diskutieren kann. Aber was weiß ich denn von Hamburg? Da regnet es ja nur, also andauernd, und zu gewissen Jahreszeiten nennt es sich dann Schnee. Wird schon stimmen.

Dumm nur: Ich kann das Dokument nicht öffnen.

Ich habe es als „Libre Office“ gebaut, es ist also eine „docx“-Datei. Und die ist mit dem Programm „Word“ nicht zu öffnen, sie wird sogar frech als „beschädigt“ angezeigt.

Versuchen wir was anderes. Als bedeutend wichtiger Kollege meines Unternehmens, wie oben lesbar, habe ich Zugang zum Firmennetzwerk und meine dortigen Privat-Dateien im, na ja, „Space“ oder so.

Ich werde fündig. Eine Word-Datei mit den Nebenkosten für meine Mieterin. Auch Schnee kam darin schon vor. Allerdings ist sie von 2014 und rein technisch sehr hässlich. Ich habe auf „Libre Office“ inzwischen viel schönere gebaut und möchte von diesem Niveau keinesfalls absteigen.

Hat man jemals eine schönere Abrechnung gesehen? Ich hatte auch Orange, aber das las sich nicht so gut

Auch das ist übrigens ein Spruch des verstorbenen R.: „Umgib dich nur mit Leuten/Dingen, die dich weiterbringen, nicht dich runterziehen.“ R.I.P., lieber R.

So geht es also nicht. Das Tablet befiehlt bei weiteren Versuchen barsch, ich möge mir eine App herunterladen, die das Öffnen und Bearbeiten von „docx“-Dateien ermöglicht. Da gibt es so einige, und inzwischen hat der Wirt auch so einige Bier nachgeschenkt.

Die Apps taugen alle nichts und werden wieder deinstalliert. Bis auf eine. Sie öffnet die wunderbar farbige Datei und lässt mich die neuen Zahlen eintragen. Nach weiteren Bieren und Taschenrechner-Anläufen steht fest: Alle Zahlen sind korrekt.

Die Mieterin hat eine kleine Nachzahlung zu leisten. Sie wird es verschmerzen, schließlich bekam sie letztes Jahr über 8 Euro von mir zurück. Beweis für die über Jahre hinweg sehr gute Nebenkosten-Prognose der Hausverwaltung.

Und ein Beweis dafür, dass das Kapitalistenleben gar nicht so einfach ist. Gerade dann, wenn man als Wohnungseigentümer in der Kneipe nur Word-Dateien öffnen kann.

Ähnlich Schlimmes steht meinem Vater bevor. Die Stadt Hamburg, wer da auch immer, plant einen „Zensus“ für Hausbesitzer. Das Schreiben der Stadt fordert, unter der Web-Adresse „www. …“ einen Fragebogen zu Baujahr, Beheizung etc. auszufüllen. Mein Vater ist empört.

„Die B. von gegenüber, die kennt nicht mal das Wort ,Mülltonne‘. Und ,Internet‘ schon gar nicht. Und allein hier in der Straße kann ich zehn benennen, denen es genauso geht. Also abzüglich Mülltonne.“

Es heißt, wer die dreiwöchige Frist verstreichen lässt, bekommt den Fragebogen per Post. Andere Quellen sagen, dass dann eine heftige Geldbuße droht. Ältere Leser erinnern sich vielleicht noch an den Aufruhr zur „Volkszählung“, anno 1987 war das.

Mein Vater will nichts riskieren, will sich dann an der Web-Adresse „www …“ versuchen.

„Komme ich da dann überhaupt rein?“, fragt er mich.

„Ja, sicher. Dein Netz läuft doch, Du freust dich über meine E-Mails und schreibst selber welche.“

„Aber ich dachte, das läuft über die Telefonleitung.“

„Das tut es ja auch. Aber gleichzeitig verbindet sie deinen PC mit dem Rest der Welt. Da geht alles, nicht nur E-Mail.“

„Ach so. Na dann schaue ich mal, was sich hinter ,www …‘ dann verbirgt.“

Offenbar gibt es hier und da doch noch digitalen Nachholbedarf. Hoffentlich findet er das Adressfeld für die http://www.-Eingabe.

Ich ordere mal noch ein Bier. Komplett analog übrigens. Wie gesagt, es geht mir gut.

Ein Gedanke zu “Total online. Es geht mir gut

  1. Pingback: Was ist eine Sackgasse? – TarzanUnterwegs

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